Sunrise


3 Monate danach - Was ist vom Camino geblieben?

Nun, nachdem ich die meisten Eindrücke gedanklich verarbeitet habe, ist es an der Zeit, kurz Bilanz zu ziehen.

Was hat mir der Camino fürs Leben, für den Alltag, gebracht? Was habe ich von ihm mitgenommen?

Natürlich lässt sich das nicht in zwei Sätzen ausreichend beantworten. Er hat mir schon eine Menge migegeben - mal davon abgesehen, wohin er mich geführt hat, wovon ich zu Beginn und auf dem Weg dorthin noch nichts ahnte... Obwohl er mir rückblickend vielleicht schon einige Zeichen hat zuteil werden lassen, die ich jedoch niemals auf mich bezogen habe. Und es war auch gut so, dass ich keine Erwartungen gestellt habe, sondern alles habe auf mich zukommen lassen. Sonst wäre mir wohl auch nicht dieses Glück zuteil geworden - ich könnte es auch als Bestätigung und Belohnung dafür sehen, dass ich bis dahin alles richtig gemacht habe...

Nun: Was hat mir der Camino pragmatisch gesehen beigebracht?

Ich habe meinen Rhythmus gefunden, weiß jetzt noch besser, wie ich ticke, und wie ich mich am besten motivieren kann (meine Ziele vorausschauend stecken, und es gelassen nehmen, wenn irgendetwas dazwischen kommt und ich sie daher erst am nächsten Tag erreiche).

Gelassenheit, und viel Geduld mit mir selbst, ist das zweite. Das setzt eine gewisse Selbstsicherheit voraus - die Gewissheit, dass ich auf jeden Fall schaffen kann, was ich auch wirklich will, wie auch immer die Umstände sein mögen, welche Umwege oder zusätzliche Zeiten ich in Kauf nehmen muss. Diese Gewissheit erlange ich am besten durch positive Erfahrungen mit mir selbst, die mir dies bestätigen.

Bei der Ausdauer ... nun ja, da muss ich im Alltag noch ein wenig üben. Grundsätzlich ziehe ich Dinge, die ich mir fest vorgenommen habe, auch durch. Es kann allerdings dauern, bis ich erst einmal angefangen habe. Aber Rom Santiago wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Es heißt: Weiter am Ball bleiben. Auch auf dem Camino ist das Motto: "Keep on running." Oder going - diese langsamere Variante liegt mir eher. Wie viele Menschen mich auf dem Camino überholt haben, weiß ich nicht mehr. Von solchen "Marathonläufern" darf man sich aber nicht aus dem eigenen Konzept bringen lassen. Außerdem steht zu befürchten, dass einige von denen den Sinn des Camino ein wenig missverstanden haben.

Dass Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft den Menschen gegenüber auch irgendwann auf mich selbst zurückkommt, wusste ich schon vorher. Trotzdem halte ich es für eine wichtige Erkenntnis, und der Camino hat es mir einmal mehr deutlich bewusst gemacht.

Dies wären die wesentlichen Aspekte, die mir spontan einfallen.

Aber, wie gesagt sind das nur einige Punkte. Und jeder muss den Weg schon für sich selber gehen, um herauszufinden, was der Camino ihm persönlich "sagen" wird. Offenheit für das, was kommt, und nicht zu viel jammern (wie der Kerkeling das in seinem Buch so oft getan hat ), sondern dankbar sein - das sind die Voraussetzungen dafür, seine individuellen Lektionen auf dem Camino wahrzunehmen.

PS: Und lasst Euch nicht durch Hapes Beschreibungen des Essens und mancher Orte davon abbringen, den Camino gehen zu wollen. Im Jahre 2007 ist mir unterwegs kein einziges Restaurant untergekommen, wo das Essen ungenießbar gewesen wäre. Und auch viele Dörfer scheinen seit 2001 ihr Gesicht ziemlich zum Positiven verändert zu haben. Vielleicht liegt es an meiner Betrachtensweise, dass ich das alles nicht so eng oder kritisch sehe, und dass Hape eben einfach ein verwöhnter Promi-Stadtmensch ist - aber ich kann Euch beruhigen: SO schlimm ist es nicht.

Wer damit leben kann, dass es einige lautstarke Schnarcher in den Herbergen gibt (glaubt mir: wenn man den ganzen Tag gelaufen ist, ist man so müde, dass so etwas einen nicht vom Schlafen abhält), wenn man gut über mufflige Gerüche nach Schweiß hinwegsehen kann und am besten nur mit Flipflops (die wiegen ja nix) die Duschen betritt, dann wird man den Jakobsweg schon gut überstehen.

28.10.07 16:23
 
Gratis bloggen bei
myblog.de